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Wenn Liebe zur Ersatzreligion wird!

5. Sept.
8 Min. Lesezeit

(Anmerkung: da ich zum Teil aus meiner Perspektive schreibe, verwende ich fast ausschließlich das Wort Partner. Mein Text schließt auch das Wort Partnerinnen mit ein)


So lange ich denken kann, habe ich mich für Spiritualität und die unterschiedlichsten Religionen interessiert. Nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch: Christentum, Buddhismus, Hinduismus und alles dazwischen.


Für mich gab es immer etwas zwischen Himmel und Erde.


Dabei ging es mir nie um Dogmatismus, sondern um die Erforschung des weiblichen Prinzips. Aus einigen dieser Richtungen habe ich meinen eigenen Weg gefunden, als Frau zu praktizieren. Seit Längerem beschäftige ich mich mit der Kabbala, einer mystischen Tradition des Judentums, und fühle mich dort sehr zu Hause.


Mein Glaube an ein göttliches Prinzip verschafft mir Sicherheit und Vertrauen, vor allem in mich und in meinen (geführten) Weg. Dabei lerne ich so viel über mich, meine Beziehungen und die Welt. Dieser Weg gibt mir unendlich viel Kraft.


Genau auf diesem Weg war es mir immer wichtig, eine Paarbeziehung zu führen, in der sich mein Partner wenigstens im Ansatz für Spiritualität interessiert. Soweit so unrealistisch.


Mein Partner als göttlicher Ersatz


War ich ohne Partnerschaft, konnte nichts und niemand etwas an meiner Praxis verändern. War ich in einer Partnerschaft, verlor ich oft die Verbindung und hob, ohne es bewusst auf dem Schirm zu haben, meinen Partner plötzlich auf ein göttliches Podest. Daran verantwortlich waren mein ängstlicher Bindungsstil und das daraus resultierende People-Pleasing und meine Co-Abhängigkeit.


Es waren schon die kleinen Dinge, die mir völlig den Boden unter den Füßen wegzogen. Er wollte lieber mit Freunden auf ein Konzert und in mir brach eine Welt zusammen. Dies stand in keinem Verhältnis zu dieser einen Entscheidung seinerseits. Danach rollte eine Welle von Verlustangst, gepaart mit einer totalen Unsicherheit, über mich hinweg.


Wenn ich mit meinen Klientinnen oder Patientinnen arbeite, die genau das oder eine ähnliche Situation beschreiben, frage ich zuerst: Was genau ist in diesem Moment in dir zusammengebrochen?


Die Antwort hat fast nie etwas mit der Beziehung selber, sondern mit einem Gefühl des „Verlassenseins in der Welt“ zu tun hat. Niemand entscheidet sich bewusst dafür, den eigenen Partner zu vergöttern. Dieser Prozess kommt schleichend daher.


Es beginnt oft mit etwas, das sich zunächst schön anfühlt:


Endlich jemand, bei dem du dich sicher fühlen kannst.


Endlich jemand, der dich sieht.


Endlich jemand, bei dem du ankommen kannst und zu Hause bin.


Die Partner sind dabei oft austauschbar. Das Problem ist nicht das Bedürfnis nach Sicherheit, nach Gesehenwerden oder nach einem Ankommen. Das Problem entsteht, wenn ein Partner zur alleinigen Quelle von Sicherheit erklärt wird. Er wird zu einem Kompass, der entscheidet, ob die Welt heute gut oder schlecht ist.


Ein Mensch bekommt dann die Funktion eines Gottes, einer Göttin, einer Ahnenreihe, einer Gemeinschaft oder eines spirituellen Rahmens, der einen trägt, auch dann, wenn im eigenen Leben gerade nichts wirklich trägt. Dies geschieht unbewusst und ohne irgendeine Absicht. Es geht um eine tiefe Leere, die gefüllt werden will. Der Partner ist dabei der Nächste, der vermeintlich dafür zur Verfügung steht.


Was die Leere eigentlich ist


Ich möchte hier eine unbequeme Hypothese aufstellen.


Vielleicht stellen wir unseren Partner nicht auf einen Sockel, weil wir uns im Glauben verloren haben. Vielleicht tun wir es, weil wir aufgehört haben, wieder an etwas zu glauben.


Ich meine damit nicht zwingend einen religiösen Glauben an einen bestimmten Gott oder eine bestimmte Glaubensrichtung. Ich meine etwas wirklich Grundlegenderes:


Das Vertrauen, dass es eine tragende Ordnung gibt, in die wir eingebettet sind. Etwas, das größer ist als wir selbst. Etwas Wohlwollendes, Verlässliches, mit uns Verbundenes auch dann, wenn wir es nicht sehen oder spüren können.


Einige Frauen, mit denen ich arbeite, sind in genau diesem Vertrauen einmal tief erschüttert worden. Manche durch eine Kindheit, in der niemand verlässlich da war, sodass sich der sogenannte „Halt“ nie als etwas Reales anfühlte.


Wenn uns eine größere und tragende Verbindung fehlt, entsteht ein Vakuum. Und ein Vakuum sucht sich eine Füllung. Der Partner, physisch anwesend, greifbar, real, ist der naheliegendste Kandidat dafür. Er bekommt, meist unausgesprochen, den Auftrag, all das zu sein, was früher eine größere Instanz war:


Ich bin sicher, wenn du bei mir bist.


Die Welt ist gut, wenn du mich gut ansiehst.


Ich existiere richtig, wenn du mich richtig siehst.


Und wenn wir uns das einmal ehrlich anschauen, ist in unserer Kultur der Glaube und die Spiritualität im Allgemeinen durch Funktionieren, Selbstoptimierung und Kontrolle ersetzt worden. Ein Hype jagt den nächsten, egal in welchen Bereich wir schauen. Wir müssen an die Wörter nur ein „-ismus“ hängen, und schon wird eine neue Religion geboren.


Die Mechanik der Vergöttlichung oder Vergötterung dahinter


Was macht eine Vergöttlichung eigentlich aus? Ich glaube, es sind vor allem drei Bewegungen.


1. Die (All-)Macht des Partners


Der Partner wird zu jemandem, der über unser Wohlergehen entscheidet. Seine Stimmung bestimmt über unsere eigene Stimmung. Sein Blick entscheidet über unseren eigenen Wert.


Dabei geht es nicht um eine reale Überzeugung. Wir können dies in unserem Körper spüren: ein Herzrasen, wenn er sich für ein Konzert entscheidet und eine Schwere, wenn wir zurückbleiben und nicht gefragt werden, mitzukommen.


2. Die Unfehlbarkeit oder die ständige Überprüfung, ob er der Richtige ist


Entweder idealisieren wir unseren Partner: Er macht nichts falsch und seine Sicht der Dinge ist immer die richtige.


Oder wir überprüfen ihn ständig daraufhin, ob er die göttliche Funktion noch erfüllt:


Kannst du mir Sicherheit geben?

Kannst du mich wirklich halten?

Beweist du mir, dass alles im Außen gut ist?


3. Der Sinn des eigenen Lebens


Unserer Beziehung wird der Sinn unseres eigenen Lebens zugeschrieben. Wir hängen alles daran auf, ob unser Leben gelingt oder scheitert.


Dabei können wir uns lebhaft vorstellen, welche Last zwei Menschen in einer Beziehung tragen müssen. Ganz zu schweigen von der Last, die der Einzelne für den Sinn des anderen tragen muss.


Dies muss den Partner unausweichlich überfordern


Kein Mensch kann diese große Rolle ausfüllen. Auch wenn er Liebe und Sicherheit bis zur Selbstaufgabe gibt.


Das Göttliche, wie ich es aus den verschiedensten monotheistischen Traditionen kenne, ist beständig. Wir Menschen schwanken und sind oft aus dem Lot. Gott oder das Göttliche kennt keinen schlechten Tag, ist nicht müde und hat keine eigenen ungelösten Wunden.


Ein Partner hingegen bringt seine eigene Geschichte, seine eigenen Ängste und seine eigene Sehnsucht nach Halt mit in die Beziehung. Wenn in einer Partnerschaft zwei Menschen sich gegenseitig, oder manchmal auch nur einseitig, in die Rolle des Göttlichen drängen, entsteht oft eine unbewusste Überforderung auf beiden Seiten.


Die eine Seite versucht, unmöglich beständig zu sein und scheitert zwangsläufig. Die andere Seite erlebt dieses Scheitern nicht als menschliche Grenze, sondern als spirituellen Verrat. So, als ob die Welt eben aus den Fugen geraten wäre.


Kleine Streitereien blasen sich in solchen Konstellationen dann unverhältnismäßig groß auf. Es geht nicht mehr nur um das Konzert. Es geht um die Erschütterung eines ganzen Weltbilds, das an der Entscheidung des Partners aufgehängt wurde.


Die romantische Liebe als Ersatzreligion


Ich glaube, dass dieses Muster nicht nur individuell zu sehen ist, sondern auch kulturell.


Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen den Bezug zu Spiritualität und einem Glauben verloren haben. Und das aus guten Gründen. Religiöse Institutionen sind kontrollierend oder unglaubwürdig geworden, nicht zuletzt durch die unzähligen Missbrauchsfälle im kirchlichen Kontext, aber auch in spirituellen Gemeinschaften.


Gleichzeitig ist die Sehnsucht nach etwas Größerem, nach etwas, das trägt und verbindet, immer noch allgegenwärtig. Diese Sehnsucht hat dann einen anderen Weg eingeschlagen, die der romantischen Liebe.


Sie ist in den letzten hundert Jahren zunehmend zu einem Ersatz geworden. Filme, Lieder und ganze Erzählstrukturen unserer Kultur inszenieren die eine große Liebe als Erlösung, als Ankunft, als das, was unser Leben endlich vollständig macht.


Das ist eine wundervolle Geschichte, die wir uns selbst erzählen. Und sie ist zugleich eine enorme Überforderung für jede reale Beziehung, die sich an ihr messen muss.


Denn keine reale Beziehung zwischen zwei begrenzten, verletzlichen, manchmal erschöpften Menschen kann das leisten, was früher, und im besten Fall auch heute, eine spirituelle Praxis oder eine tragende Gemeinschaft geleistet hat: bedingungslosen Halt, unabhängig vom eigenen Verhalten und unabhängig davon, ob der Mensch gerade liebenswert ist oder nicht.


Der Unterschied zwischen Liebe und Podest


Ich möchte an dieser Stelle noch einmal deutlich machen:


Es ist nichts falsch daran, einen Partner tief zu lieben, zu bewundern und sich von ihm gesehen und getragen zu fühlen. Das kann ein echtes Geschenk sein, wenn wir es als das wirklich sehen können.


Der Unterschied liegt woanders. Dieser liegt eher in der Frage:


Kann ich meinen Partner lieben, ohne dass mein eigenes Weltbild zusammenbricht, wenn er z.B. einen schlechten Tag hat? Kann ich mich in dieser Beziehung geborgen fühlen, ohne dass meine gesamte innere Sicherheit an seiner Reaktion hängt? Bleibt in mir ein Boden bestehen, der auch dann trägt, wenn diese eine Beziehung gerade wackelt?


Wenn uns dieser eigene, unabhängige Boden fehlt, wird aus Liebe leicht Abhängigkeit und aus unserem Partner leicht ein Gott oder etwas Göttliches, der sich ständig neu unter Beweis stellen muss.


Das ist erschöpfend für beide. Und es ist dann paradoxerweise auch für die Liebe selbst schädlich. Denn echte Nähe braucht Freiheit.


Der Weg zurück zu etwas Größerem


In der Zusammenarbeit mit meinen Klientinnen und Patientinnen arbeiten wir an diesem Muster. Aber der Weg führt selten über die Beziehung selbst. Er führt über die Frage, die dahinter liegt: Woher soll mein Gefühl von Sicherheit eigentlich kommen, wenn nicht von einem einzelnen Menschen oder meinem Partner?


Die Antwort liegt, aus meiner Erfahrung, nicht allein in noch mehr Selbstoptimierung, noch mehr Kontrolle oder noch mehr Bemühen, die eigene Bindungsfähigkeit zu „reparieren“. Sie liegt in einer Rückverbindung zu etwas, das größer ist als eine einzelne Beziehung.


Ich nenne das Gott. Manche nennen es Göttin, das Universum, das Höhere Selbst oder ganz einfach gesprochen: etwas, das trägt, ohne dass wir es kontrollieren müssen. Wichtig ist zu verstehen, dass diese Rückverbindung kein Ersatz für menschliche Nähe darstellt. Sie ist eher ihr Fundament.


Erst wenn ein Teil der eigenen Sicherheit unabhängig von einem einzelnen Menschen existiert, kann eine Beziehung wieder das sein dürfen, was sie eigentlich ist:


Eine Begegnung zwischen zwei Individuen, die sich freiwillig füreinander entscheiden. Und eben nicht, weil der eine sonst die ganze innere Welt des anderen zum Einsturz bringt. Ich beobachte bei mir und bei Frauen auf diesem Weg etwas sehr Konkretes: Die Ansprüche an den Partner werden nicht kleiner, weil wir ihn weniger lieben. Sie werden realistischer.


Sie werden realistischer, weil ein Teil dessen, was vorher am Partner hing, wieder dorthin zurückwandert, wo es eigentlich hingehört. Nämlich in die eigene Verbindung zu etwas Größerem und damit zur Stärkung des Selbstvertrauens und dem Gefühl, aus sich selbst heraus sicher zu sein.


Eine Einladung an dich


Vielleicht magst du dir an dieser Stelle ein paar ehrliche Fragen stellen:


Wovon hängt dein Gefühl ab, dass die Welt heute in Ordnung ist? Von etwas in dir oder von der Stimmung eines anderen Menschen oder deines Partners? Wenn dein Partner einen Fehler macht oder nicht so reagiert, wie du dir das wünschst, welchen Gedanken löst das in dir aus?


Gibt es in deinem Leben etwas, das dich trägt, unabhängig davon, ob diese eine Beziehung gerade gut läuft? Diese Fragen können dich zu einer kleinen Bestandsaufnahme anregen. Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich meinen Partner auf einen Sockel gestellt hatte. Das hat mir vor allem eines gezeigt: meine tiefe Sehnsucht nach Halt in mir.


Zum Schluss


Ich glaube nicht, dass die Lösung darin liegt, einen Menschen weniger zu lieben.


Ich glaube, es ist wichtig wieder eine Verbindung zuzulassen, die größer ist als ein einzelner Mensch, verlässlicher als eine einzelne Beziehung und tragfähiger als eine einzelne Stimmung an einem einzelnen Tag. Wenn diese größere Verbindung wieder da ist, dann darf der Partner endlich wieder von seinem Sockel heruntersteigen und uns die Eigenverantwortung zurückgeben.


Damit kann er endlich wieder ein ganz normaler Mensch sein. Ein Mensch, den wir innig, ehrlich und aufrichtig lieben.


Tanja hat von 2016 - 2026 auf Bali gelebt. Nach dem Aufbau einer erfolgreichen Psychologischen Praxis & Yogastudio entschied sich Tanja nach über zwölf Jahren erfolgreicher Selbständigkeit, das Geschäft zu verkaufen und in die weite Welt zu ziehen.


Mittlerweile ist sie wieder zu ihren Wurzeln nach Deutschland zurückgekehrt und wirkt wieder vor Ort mit Frauen.


Tanja liebt es, ihre Learnings mit der Welt zu teilen und Frauen zu unterstützen, ihren eigenen Weg und Platz im Leben zu finden.

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