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Deine Würde kannst du dir nicht verdienen!

13. Sept.
9 Min. Lesezeit

Meine Würde habe ich immer wieder in meinen Paarbeziehungen verloren. Ich habe mich nach meinen Partnern ausgerichtet und immer wieder versucht, Beziehungen möglich zu machen. Co-Abhängigkeit und People Pleasing waren die Folge. Meine Wünsche und Bedürfnisse waren nicht mehr vorhanden und irgendwann habe ich mich dann gefragt, wie lange ich das noch so machen möchte. Meine körperliche Erschöpfung war deutlich spürbar und die Angst, verlassen zu werden, war dabei immer der größte Faktor. Ich verlor immer mehr meine eigene Würde, nur um eine gescheiterte Beziehung um jeden Preis zu halten.


Das Wort Würde löst bei dir vielleicht unterschiedliches aus. Würde klingt nach einem Wort aus längst vergangenen Zeiten und doch zeigt sich ihr Verlust in ganz normalen Alltagssituationen. Vor allem dann, wenn du dich in einer Beziehung um alles kümmerst und merkst, dass du nur noch funktionierst und dich selber gar nicht mehr spüren kannst.


Und genau dort, in diesem fast unspektakulären Moment entscheidet sich, ob du hinter deiner Würde stehst oder nicht.


Würde ist gerade für uns Frauen ein wichtiges Thema und ich versuche, diesen altertümlichen Begriff wieder in Mode kommen zu lassen. Je länger ich mich mit diesem Begriff auseinandersetze, desto klarer wird mir, dass die Würde vielleicht unsere tiefste Wunde ist, die wir Frauen kollektiv tragen. Für mich ist es das Zusammenspiel von der Würde die uns genommen wurde und immer noch wird und der Würde, die wir als Folge daraus sehr oft selbst aus der Hand geben. Meistens, ohne es zu wirklich merken.


Was Würde eigentlich ist und was sie genau nicht ist


Ich fange an dieser Stelle erstmal mit einer Abgrenzung an, denn die meisten Missverständnisse über Würde entstehen genau hier.


Würde ist kein Zustand, der durch einen bestimmten Moment entsteht. Sie kommt nicht durch Erfolg, nicht durch Anerkennung von außen, nicht durch Stärke, die wir zeigen, um Menschen zu beeindrucken. Würde ist keine Leistung und wir müssen sie uns nicht verdienen. Würde ist eine innere Haltung. Sie zeigt sich nicht in dem was wir erreichen, sondern darin wie wir zu uns selbst stehen, unabhängig davon was gerade um uns passiert.


Das Bild des festen Bodens unter unseren Füßen passt hier gut. Dieser Boden ist immer da und unter uns. Auch wenn wir fallen, auch wenn etwas schwierig wird, auch wenn der Boden mal wackelt, unsere Würde bleibt fest bestehen. Sie verschwindet nicht, weil eine Beziehung endet, weil jemand Kritik an uns übt oder weil ein wichtiger Plan scheitert.


Das bedeutet nicht, dass wir mit Würde alles leicht nehmen oder keine Emotionen mehr spüren. Im Gegenteil, denn Würde heißt nicht, dass wir keine Trauer, keine Wut, keine Enttäuschung mehr empfinden dürfen. Es bedeutet, dass diese Gefühle uns nicht mehr aus der Bahn werfen. Wir können traurig sein, ohne dass gleich die ganze Welt zusammenbricht. Wir können Kritik hören, ohne dass unser Wert als Mensch zur Debatte steht. Der Boden bleibt da, auch wenn dieser manchmal ganz schön wackelt.


Das ist der entscheidende Unterschied zwischen Würde und dem, was viele von uns stattdessen gelernt haben: eine Selbstachtung, die abhängig ist von äußerer Bestätigung. Ein Selbstwert, der jeden Tag neu verhandelt werden muss, je nachdem, wie der Tag läuft, wie das Gegenüber reagiert, ob wir „gut genug” waren oder sind.


Warum wir unsere Würde verlieren


Wenn ich mit Frauen über dieses Thema spreche, ist meist die Paarbeziehung der Ort, an dem sie ihre Würde zuerst verloren haben. Das trifft auch auf meine eigene Erfahrung in Partnerschaften zu.


Ich habe meine Würde über weite Strecken meines Lebens in Beziehungen verloren, immer wieder. Dabei schwebte ich zwischen dem Funktionieren und dem Übernehmen emotionaler Verantwortung für die Beziehung, was eigentlich nicht nur meine Aufgabe war. Ich habe alles Mögliche getan, damit es funktioniert, habe viel Verständnis für meine Partner gezeigt, immer ein Argument parat gehabt, warum der andere sich gerade zurückzieht, warum es gerade schwierig ist, warum es besser wird, wenn ich nur noch ein bisschen mehr gebe. Und dann kam der Moment, in dem ich irgendwann selbst nicht mehr wusste, wer ich eigentlich bin.


Ich möchte dabei erwähnen, dass mir in den meisten Beziehungen nicht der jeweilige Partner die Würde genommen hat. Ich habe sie mir selbst weggenommen, indem ich keine Standards mehr in der Beziehung hatte, indem meine eigenen Werte nicht mehr abrufbar waren, indem ich mich komplett in dem anderen verloren habe. Diese Erkenntnis war sehr schmerzhaft.


Der Würdeverlust beginnt fast immer an der Grenze zwischen Ja und Nein. Wir haben verlernt, diese beiden Wörter zu unterscheiden. Wir sagen Ja, wo eigentlich ein Nein fällig wäre. Wir passen uns unbewusst immer mehr an und verlieren dabei zunehmend unsere eigenen Bedürfnisse. Dahinter steht meistens eine sehr alte, sehr tiefe Angst, verlassen zu werden. Diese Angst war bei mir so groß, dass ich meine Würde an der Garderobe abgegeben habe. Alles, um bloß nicht verlassen zu werden. Mein People Pleasing, meine Abhängigkeit, das Runterdrücken meiner eigenen Bedürfnisse. All das diente einem einzigen Zweck, mir Sicherheit im Außen zu suchen, weil mir die Sicherheit im Innern einfach fehlte.


Aber der Würdeverlust bleibt meist nicht auf Paarbeziehungen beschränkt. Er zieht sich meist weiter, in Berufe oder der Selbständigkeit, zu Kolleg*innen, Vorgesetzten, Kund*innen, Klient*innen, der Familie und anderen. Auch dort passen wir uns dann meist an, aus Angst, den Job zu verlieren und aus Angst vor Ablehnung. Meist aus dem gleichen alten Muster heraus, das wir schon in der Kindheit gelernt haben. Und wo wir uns ständig anpassen, um andere zufriedenzustellen, wachsen wir selbst nicht. Wir untergraben unseren eigenen Selbstwert, Stück für Stück, oft über viele Jahre.


Es gibt einen Moment, der sich in diesem Prozess besonders zeigt und das ist der Moment der Selbstaufgabe. Ein Punkt, an dem wir unsere eigenen Bedürfnisse gar nicht mehr in den Vordergrund stellen. Die Wiederholung heißt dann, uns zurücknehmen, den anderen den Vortritt lassen, uns um alle kümmern, außer um uns selbst.


Die Scham unter dem Würdeverlust


Zutage kommt dann die Scham. Es ist die alte Scham mit dem intensiven Gefühl, im Kern falsch zu sein. Falsch in dem, was wir fühlen. Falsch in der Art, wie wir sind, und falsch in unserer Meinung als Frau.


Diese Scham erkennen wir nicht bewusst als solche an. Wir merken nicht: „Ich schäme mich dafür, wer ich bin.” Wir merken nur, dass wir unsere Meinung zurückhalten, dass wir uns nicht trauen, eine Grenze zu setzen. Wir haben früh gelernt, meist im eigenen Familiensystem, dass wir nicht wertvoll genug sind, so wie wir sind. Dies kann durch viele kleine Botschaften passiert sein, manipulativ oder nonverbal, die niemand bewusst ausgesprochen hat. Und diese Konditionierung trifft uns Frauen in besonderer Weise. Wir sind aus der Erziehung wie auch aus einer patriarchal geprägten Kultur heraus konditioniert worden, dass wir Anerkennung durch Leistung, durch Gefallen, durch Anpassung bekommen. Uns wurde vermittelt, dass unser Wert von dem abhängt, was wir im Außen leisten. Wir geraten dadurch in eine extreme Abhängigkeit. Und in dieser Abhängigkeit können wir uns selbst nicht mehr halten. Wir sind nicht mehr wirklich mit uns verbunden und dabei in patriarchalen Strukturen gefangen. Es fehlt uns die innere Sicherheit, aus der heraus wir eigene Entscheidungen treffen könnten. Stattdessen sind wir permanent in Beziehung zu anderen ausgerichtet, immer beobachtend, was der andere braucht, was der andere denkt, was der andere von uns erwartet.


Der Verlust als Anfang


Ich habe mir ein paar Gedanken dazu gemacht. Vielleicht ist der folgende Gedanke paradox oder auch provokant:


Der Verlust unserer Würde kann der einzige Weg sein, um überhaupt zu begreifen, wie wichtig sie für uns ist.


Meistens zeigt sich dieser Verlust als Erschöpfung. Eine innere Leere. Das Gefühl, den Kontakt zu uns selbst verloren zu haben und nicht mehr wirklich zu wissen, wie es uns eigentlich gerade geht. Der Körper macht schlapp, weil er durch das Funktionieren über Jahre zu viel aushalten musste. Und irgendwann kommt dann die Erkenntnis: Das bin doch gar nicht mehr wirklich ich.


Und was bleibt eigentlich von uns übrig, wenn unsere Rollen des Funktionierens wegfallen? Wer sind wir dann? Das ist eine der wichtigsten Fragen auf dem Weg zurück zu unserer Würde. Denn Würde zeigt sich nicht als Konzept, das wir uns vornehmen, sondern als etwas, das wir in uns selbst wieder entdecken, über unsere Haltung, über unsere Meinung, über unsere Fähigkeit, Grenzen zu setzen. Manchmal beginnt das mit einem einzigen und sehr zögerlichen Nein.


Der absolute Tiefpunkt dieses Prozesses ist dort, wo unsere Scham am größten ist. Wenn unser Körper krank wird, wenn wir nichts mehr regeln können, wenn die Erschöpfung so groß wird, dass Funktionieren nicht mehr möglich ist. Genau in diesem Moment kann ein sehr mutiges Nein entstehen, das nicht mehr verhandelbar ist und gleichzeitig ein Ja zu uns selbst bedeutet.


Der Weg zurück


Wie kommen wir von hier wieder zurück in unsere Würde?


Für mich ist der erste Schritt die Ehrlichkeit zu uns selbst. Die Ehrlichkeit hinzuschauen, was wirklich in unserem Leben passiert ist und weiterhin passiert. Wie viel wir für andere immer wieder geben und wie sehr wir uns selbst dabei vergessen. Zu sehen, an welchen Stellen unsere eigenen Bedürfnisse, Wünsche und Grenzen verschwunden sind. Eine ehrliche Bestandsaufnahme, ohne uns eine phantastische Geschichte zu erzählen und ohne uns selbst dafür zu verurteilen. Es geht dabei nicht um Schuld, sondern um mitfühlende Erkenntnis.


Manchmal brauchen wir keine sofortige große Veränderung. Wahrscheinlich ist das in erster Instanz ohnehin nicht möglich, da uns die innere Sicherheit fehlt. Was wir eventuell brauchen, ist eine professionelle Begleitung oder der Kreis von Menschen, denen wir vertrauen. Und hier zeigt sich für uns Frauen etwas ganz Besonderes, nämlich die Kraft der Bezeugung durch andere Frauen.


Bezeugung bedeutet, mit unseren eigenen Werten und so wie wir ohne unsere Rollen wirklich sind, gesehen zu werden. Für viele Frauen ist dies zunächst neu und ungewohnt. Aber genau darin liegt die Kraft. Die meisten von uns haben gelernt, für andere da zu sein, statt für sich selbst. Das ist unsere gemeinsame Wunde. Deshalb tut es besonders gut, die eigene Würde im Kreis anderer Frauen zurückzuholen. Denn andere Frauen kennen genau dieses Gefühl. Du bist damit nicht allein. Und genau das macht eine Gemeinschaft von Frauen so kraftvoll, wenn es darum geht, die eigene Würde wieder aufzubauen. Genau damit können wir patriarchale Strukturen verlassen und lernen wieder ein Matriarchat aufzubauen.


Versteh mich nicht falsch. Primär geht es erstmal nicht darum, sofort große Grenzen zu ziehen oder das ganze Leben umzukrempeln. Es geht darum, dass wir in kleinen Momenten immer wieder für uns selbst einstehen und unsere eigene Meinung vertreten. Sag einfach mal Nein zu einem Vorschlag, der gerade für dich nicht passt. Oder ein Nein zu einem Treffen, weil du müde bist oder Zeit für dich brauchst. Ein Nein zu üben und genauso das Ja, wo es sich wirklich stimmig für dich anfühlt. Finde dabei heraus, was dir wirklich guttut und deiner eigenen Haltung entspricht. Jeder dieser kleinen Momente der Aufrichtigkeit dir selbst gegenüber ist bereits eine Würdeübung.


Vielleicht klingen diese kleinen Übungen fast banal. Aber genau darin liegt ihr Wert. Würde entsteht nicht durch eine einzige große Entscheidung, sondern durch die Summe vieler kleiner Momente, in denen wir uns selbst treu bleiben. Jedes Mal, wenn wir merken, dass es einen Wert gibt, der uns wichtig ist oder der gerade neu entsteht, stärken wir unseren inneren Boden ein bisschen mehr. Er ist wie ein Muskel, der geduldig trainiert werden will, aber mit der Bereitschaft, sich selbst immer wieder ernst zu nehmen, auch wenn die alte Angst vor Ablehnung oder Verlassenwerden noch mitschwingt.


Wunde und Würde gehören zusammen


Die Wunde ist die Verletzung, die wir erlebt haben. Meist in Beziehungen, in der Kindheit und manchmal auch die Wunde, die wir uns selbst zugefügt haben, indem wir den Kontakt zu unseren eigenen Grenzen und Bedürfnissen verloren haben. Es geht dabei nicht um Schuld. Es geht darum zu erkennen, dass wir uns selbst verloren haben, weil wir nicht mehr mit uns in Verbindung waren.


Und genau hier setzt die Würde an und holt uns aus der Wunde heraus. Sie kann die Wunde nicht ungeschehen machen, aber sie kann sie ein Stück heilen. Das bedeutet, Raum zu geben für all das was wir erlebt haben. Dies anzuschauen, zu benennen, zu verstehen und trotzdem weiterzugehen in Verbindung mit uns selbst.


Stell dir deine Würde als körperliche Aufrichtung vor. Die Wirbelsäule, die sich streckt. Der Herzraum, der weiter wird und offener. Wenn du mit Würde durchs Leben gehst, verändert das die Beziehung zu Menschen, deine Interessen und Beziehungen, du prinzipiell eingehst. Und das Entscheidende dabei ist, dass du dir deine Würde nicht verdienen musst. Du musst nicht besonders liebevoll sein, nicht ständig geben, nicht ständig funktionieren. Würde hat nichts mit Abhängigkeit vom Außen zu tun. Deine Würde war schon immer da und ist in dir. Sie wartet lediglich darauf, dass du sie wiedererkennst und dich mit ihr aufrichtest.


Vielleicht magst du dir zum Abschluss diese eine Frage mitnehmen: Wo in deinem Leben spürst du gerade, dass du deine Würde verloren hast?


Das ist keine Frage, die vielleicht in diesem Moment sofort zu beantworten ist. Aber sie ist ein guter Anfang.

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Tanja hat von 2016 - 2026 auf Bali gelebt. Nach dem Aufbau einer erfolgreichen Psychologischen Praxis & Yogastudio entschied sich Tanja nach über zwölf Jahren erfolgreicher Selbständigkeit, das Geschäft zu verkaufen und in die weite Welt zu ziehen.


Mittlerweile ist sie wieder zu ihren Wurzeln nach Deutschland zurückgekehrt und wirkt wieder vor Ort mit Frauen.


Tanja liebt es, ihre Learnings mit der Welt zu teilen und Frauen zu unterstützen, ihren eigenen Weg und Platz im Leben zu finden.


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