Vom Manifestieren zum Femifestieren - für alle Frauen, die sich an linearen Zielen erschöpft haben
- vor 6 Tagen
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Vor ein paar Tagen bin ich bei einer Recherche über die Menopause auf etwas sehr Interessantes gestoßen, was am Ende nicht wirklich neu für mich ist. Dennoch hat es in mir einen Aha-Effekt ausgelöst.
Ich bin über ein Buch zu einem YouTube-Video gestolpert, und dieses Video hat mir ein Stück weit die Augen geöffnet.
Die damals 101-jährige Dr. Gladys McGarey (geboren 1920 und verstorben 2024) sprach in einem ihrer TED-Talks über „Femifestation“ statt über „Manifestation“. Mir wurde plötzlich klar, warum für mich das klassische Vorstellen – Visualisieren – Zielen – Erreichen immer schwierig war und ich es nach einigen Versuchen wieder ad acta gelegt hatte. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl, es fehlt mir ein wichtiger Teil, und irgendwie entspricht es nicht meiner Natur.
Dr. Gladys McGarey, Ärztin und Mitbegründerin der ganzheitlichen Medizin in den USA, die 2024 im Alter von 103 Jahren gestorben ist, hat eine bewegende und zutiefst inspirierende Geschichte.
Sie war eine der ersten Ärztinnen, die in den USA praktizierten, fing mit 70 noch einmal ganz neu an und reiste mit 85 nach Afghanistan, um dort Geburtshelferinnen auszubilden [1]. Fast am Ende ihres Lebens sprach sie über den Unterschied zwischen Femifestation und Manifestation.
Es ist mir in diesem Artikel ein großes Anliegen, darüber zu schreiben. Und ich möchte in diesem greifbar machen, was wirklich damit gemeint ist. Dabei möchte ich jetzt schon darauf hinweisen, dass beide Seiten ihre Berechtigung haben und es mir nicht darum geht, die Femifestation als den besseren Weg darzustellen. Es ist ein eigenständiger Weg, der für uns Frauen aus unserem weiblichen Körper entsteht.
Die Logik, die wir alle kennen
Für das Positive, aber auch die Kritik an der Manifestation reicht dieser Artikel auf keinen Fall aus. Dies soll in meinem Artikel nicht der Schwerpunkt sein, ebenso wenig wie dessen Vertreter*innen.
Das Manifestieren, wie wir es aus Büchern, Kursen und Social Media kennen, folgt meist immer derselben Struktur: Ziel setzen, Vision fixieren, handeln, nicht aufgeben, bis das Ergebnis eintritt. Eine gerade Linie von A nach B. Diese Idee ist keinesfalls neu.
Ihre Wurzeln reichen zurück in die New-Thought-Bewegung des frühen 20. Jahrhunderts, in der Denker wie Neville Goddard die Vorstellung prägten, dass mentale Visualisierung allein Wirklichkeit erzeugen kann. Eine willensbasierte, zielgerichtete, im Grunde hierarchische Logik: Der Geist herrscht über die Materie, der Wille über die Umstände.
Neville Goddard war Mystiker und Autor aus Barbados. Er lebte von 1905 bis 1972 und wanderte als junger Mann nach New York aus. In seinen ersten Jahren dort war er Tänzer und Schauspieler. Seine Kernlehre beinhaltete das Gesetz der Annahme: Die eigene Vorstellungskraft erschafft die Realität und Gefühle ziehen Ereignisse an. Für diese Kernlehre deutete er auch die Bibel rein psychologisch, d. h. für ihn war die Bibel kein geschichtliches Buch, sondern ein psychologisches Drama, in dem die Geschichten der Bibel aus dem menschlichen Bewusstsein kommen. Er schrieb vierzehn Bücher, beeinflusste die New-Thought-Bewegung und inspirierte die modernen Manifestations-Gurus wie auch Joseph Murphy.
Die New-Thought-Bewegung (Neugeist-Bewegung) ist eine spirituelle Bewegung, die im 19. Jahrhundert in den USA entstand. Sie besagt, dass die eigenen Gedanken die persönliche Realität, die Gesundheit und den Erfolg direkt erschaffen.
Die Kernideen der Bewegung waren:
Gedankenformung: Gedanken erschaffen die physische Realität
Göttlicher Funke: Gott ist eine unendliche, universelle Energie im Menschen
Geistheilung: Krankheiten entstehen zuerst im Geist
Positives Denken: Optimismus zieht Wohlstand und Glück an
Mitunter, weil die Manifestation eine rein lineare Zeitorientierung ist, also von Hier nach Da, folgen meine Kritikpunkte an dieser Bewegung denselben, die ich oft in den heutigen Manifestationskreisen sehe: toxische Positivität, Opferbeschuldigung (Victim Blaming), Wissenschaftsfeindlichkeit und Narzissmus-Förderung.
Und genau hier beginnt für mich die Frage: Ist das die einzige Art, wie Wirklichkeit entsteht? Oder gibt es eine andere Zeit, eine andere Logik, die uns Frauen näher liegt, weil sie näher an unserem weiblichen Körper, also am weiblichen Zyklus, ist?
Eine andere Zeitrechnung bricht an
Die französische Philosophin Julia Kristeva hat genau diese Frage schon 1979 in ihrem Essay „Frauenzeit“ gestellt, und das lange bevor Social Media das Wort Manifestieren überhaupt kannte [2]. Sie unterscheidet zwei Zeitformen: die lineare Zeit – die Zeit der Geschichte, der Politik, des Fortschritts. Die Zeit, in der ein Ziel gesetzt und Schritt für Schritt erreicht wird. Und die zyklische Zeit: die Zeit der Wiederholung, der Schwangerschaft, der biologischen Rhythmen. Eine Zeit, die sich nicht vorwärtsbewegt, sondern in Wellen und in Phasen. Kristeva ordnet diese zyklische Zeit dem Weiblichen zu. Das hat weniger damit zu tun, dass Frauen weniger fähig wären, linear zu denken oder zu handeln, sondern damit, dass unser Körper uns eine andere Erfahrung von Zeit schenkt. Jeden Monat durchleben wir Aufbau, Höhepunkt, Abbau, Ruhe und dann wieder ganz von vorne. Es geht dabei nicht um Stillstand, sondern um eine eigene Form von Bewegung. Dabei können wir uns eine Spirale anstelle einer Geraden vorstellen.
Julia Kristeva (geboren 1941 in Sliwen, Bulgarien) ist eine international renommierte Philosophin, Psychoanalytikerin, Literaturtheoretikerin und Schriftstellerin, die seit 1965 in Paris lebt. Sie prägte maßgebliche Konzepte wie die Intertextualität und untersuchte in ihrem Werk das Zusammenspiel von Sprache, dem „sprechenden Körper“ und der Psyche. Ihr Schaffen umfasst mehr als 30 Bücher, in denen sie Linguistik, Feminismus und Psychoanalyse verknüpft.
Wenn ich das auf das Manifestieren übertrage, ergibt sich eine ganz andere Praxis. Ich setze nicht eine Absicht und verfolge sie unbeirrt, bis sie eintritt, sondern ich setze eine Absicht und dann lasse ich sie durch die Phasen meines Zyklus wandern. Sie wird geboren, sie wächst, sie reift, sie ruht, sie stirbt vielleicht auch ein Stück, bevor sie in einer neuen Welle wieder auftaucht, vielleicht verändert und gereifter. Das ist der weibliche Weg.
Unser Körper weiß es längst
Was Kristeva philosophisch beschreibt, lässt sich inzwischen auch empirisch nachvollziehen. Der weibliche Zyklus ist keine gleichmäßige Linie, sondern eine Abfolge sehr unterschiedlicher innerer Zustände, und die Forschung der letzten Jahrzehnte bestätigt das, wenn auch differenzierter, als wir es in Social Media oder anderen Artikeln lesen.
Ich habe mir dazu mal die Studienlage angesehen.
Einer der Studien hat genauere Untersuchungen mit echten Hormonmessungen im Blut und nicht nur mit Selbstauskünften der Frauen durchgeführt. Das Ergebnis: Frauen waren kurz vor dem Eisprung am kreativsten, genau dann, wenn Östrogen seinen Höhepunkt erreichte [3]. Sie kamen leichter auf neue Ideen und hingen weniger an alten, eingefahrenen Lösungswegen fest. Auch das Gedächtnis für Sprache und Worte ist in dieser Zeit oft besser [4]. Es ist dann kein Wunder, dass es sich um den Eisprung herum vieles leicht und klar anfühlt.
Was spannend daran ist: Nicht jede Fähigkeit tickt bei Frauen gleich. Beim räumlichen Denken, also zum Beispiel dabei, sich etwas im Kopf drehen oder vorstellen zu können, war es genau umgekehrt. Frauen schnitten während ihrer Menstruation am besten ab und in der zweiten Zyklushälfte eher schwächer [5]. Viel Östrogen heißt also nicht automatisch „besser“, sondern eher, dass andere Stärken in den Vordergrund treten.
Das ist mir so wichtig zu teilen. Es geht mir nicht darum, welche Phase produktiver, kreativer etc. ist, sondern darum, dass wir in jeder Phase etwas anderes können und dürfen.
Denn die Forschung ist sich nicht überall einig. Eine große Übersichtsstudie zeigt, dass der Zusammenhang zwischen Hormonen und Denkvermögen nicht so einfach ist, wie es oft dargestellt wird [6]. Nur bei manchen Aufgaben, wie etwa der Sprache oder dem räumlichen Vorstellen, zeigt sich überhaupt ein klarer Zusammenhang mit dem Hormonspiegel. Mir wird damit klar, dass Hormone nicht alles erklären können. Unser Zyklus prägt uns, aber bestimmt nicht jeden Gedanken.
Sehr spannend sind auch Messungen, die eindeutig zeigen, dass der Zyklus nicht nur verändert, wie wir uns fühlen, sondern auch messbar unser Gehirn selbst. Eine aktuelle Studie konnte sogar sehen, wie sich bestimmte Hirnregionen im Laufe des Zyklus vergrößern und wieder verkleinern [7]. Wir bilden uns die Wellenbewegung also nicht ein. Sie ist tatsächlich im Körper selbst sichtbar.
In der zweiten Zyklushälfte, wenn das Hormon Progesteron übernimmt, zieht sich dann vieles ins Innere. Unser Blick wird kritischer, empfindlicher, manchmal auch leicht depressiv. Während der Menstruation selbst, wenn Östrogen und Progesteron auf ihrem tiefsten Stand sind, zieht sich der ganze Körper zurück. Wir werden stiller, ruhiger und brauchen auch mal eine Auszeit mit uns alleine. Das ist der Teil unseres Zyklus, der am meisten missverstanden wird, weil er nicht in eine Leistungsgesellschaft passt, die permanente Verfügbarkeit von uns erwartet. Dabei ist genau diese Phase der Ort, an dem sich zeigt, was uns Frauen wirklich trägt.
In der heutigen Zeit versucht eine Frau in jeder Zyklusphase, gleich zielstrebig, gleich sichtbar, gleich „on“ zu sein, und kämpft gegen ihre eigene Natur. Oft weiß sie es auch nicht, da wir Frauen mit unserem Körper nicht mehr verbunden sind. Kein Wunder, dass klassische Manifestationstechniken sich für viele von uns irgendwann anfühlen wie ein Motor, der ständig auf Hochtouren laufen soll, egal, was der Tank hergibt.
Femifestation als unser Versprechen
Femifestation heißt für mich ganz klar, meinen Wunsch nicht gegen den Körper zu setzen, sondern durch ihn hindurch. Ich formuliere eine Absicht und lasse sie dann bewusst durch die vier inneren Jahreszeiten wandern:
den Frühling (Follikelphase)
den Sommer (Eisprung)
den Herbst (Lutealphase)
den Winter (Menstruation)
In jeder Phase erfährt der Wunsch etwas anderes: Im Frühling wird er geboren, im Sommer strahlt er, im Herbst wird er geprüft und verfeinert, im Winter darf er ruhen, und genau dort, in der Stille, entsteht oft die Klarheit, die wir in der Aktivität nie gefunden hätten [8].
Dies braucht Vertrauen. Das Vertrauen, dass eine Pause keine Unterbrechung des Prozesses ist, sondern ein notwendiger Teil davon. Für viele von uns, die gelernt haben, ihren Wert über Funktionieren und Liefern zu definieren, ist das eine der größten Verschiebungen überhaupt.
Weg vom: „Ich muss ständig sichtbar wirken, damit sich etwas manifestiert.“
Hin zu: „Ich darf mich zurückziehen und nichts tun. Das gehört zum Werden dazu.“
Für uns Frauen in der Lebensmitte besonders wichtig
Für Frauen, die in eine neue Lebensphase eintreten, egal ob durch eine Trennung, einen generellen Umbruch, die (Peri-)Menopause oder das langsame Ablegen alter Rollen, die nicht mehr passen, ist Femifestation mehr als ein Nice-to-have-Konzept. Es ist eine Erlaubnis. Viele von uns haben Jahrzehnte in linearer, fremdbestimmter Zeit gelebt: für andere verfügbar, für andere planbar, für andere berechenbar. Der eigene Zyklus, die eigene innere Zeit, wurde dabei oft übergangen oder wegtherapiert.
Wenn wir uns wieder an zyklische Zeit anschließen, bedeutet es, die eigene Autorität über den eigenen Rhythmus zurückzuholen. Es bedeutet, Wünsche nicht mehr zu erzwingen, sondern sie wachsen zu lassen. So wie eine Frau, die eine neue Lebensphase betritt, nicht in einem Sprung von der alten zur neuen Identität kommt, sondern in Wellen: manchmal mutig und sichtbar, manchmal zurückgezogen und zweifelnd, und beides gehört dazu.
Meine Einladung an dich
Ich schreibe diesen Artikel nicht, um das klassische Manifestieren zu verurteilen. Mich interessiert etwas anderes: wie wir als Frauen wieder in echten Kontakt mit uns selbst, mit Nähe und Liebe kommen und mit der Zeitorientierung, die unserem Körper entspricht, statt uns fortwährend an einer fremden Uhr zu messen. Femifestation ist für mich kein Regelwerk, sondern eine Erinnerung daran, dass wir nicht linear funktionieren. Wir sind zyklisch. Und wir sollten uns ein Versprechen geben - unsere uralte Weisheit und unsere weibliche Kraft in vollen Zügen zu leben.
Quellen:
[1] Dr. Gladys McGarey, „The Well-Lived Life” (2023) [2] Julia Kristeva, „Frauenzeit” / „Le temps des femmes” (1979) [3] Krug et al., „Effects of menstrual cycle on creativity” (Neuropsychologia) [4] Rosenberg & Park (2002) zu verbalem Arbeitsgedächtnis [5] Hausmann et al. (2000) zu räumlicher Kognition [6] Sundström Poromaa & Gingnell, „Menstrual cycle influence on cognitive function and emotion processing” (Frontiers in Neuroscience, 2014) [7] Aktuelle Studie zu zyklusabhängigen Grauvolumen-Veränderungen (Biology/MDPI, 2025) [8] Alexandra Pope & Sjanie Hugo Wurlitzer, „Wild Power”
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Tanja hat von 2016 - 2026 auf Bali gelebt. Nach dem Aufbau einer erfolgreichen Psychologischen Praxis & Yogastudio entschied sich Tanja nach über zwölf Jahren erfolgreicher Selbständigkeit, das Geschäft zu verkaufen und in die weite Welt zu ziehen.
Mittlerweile ist sie wieder zu ihren Wurzeln nach Deutschland zurückgekehrt und wirkt wieder vor Ort mit Frauen.
Tanja liebt es, ihre Learnings mit der Welt zu teilen und Frauen zu unterstützen, ihren eigenen Weg und Platz im Leben zu finden.
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