Trauer ist nicht persönlich – sie ist das Mutigste, was wir gemeinsam tun können
- 24. Juni
- 8 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 25. Juni

Seit meine Mutter gestorben ist, denke ich anders über Trauer.
Wir trauern tagtäglich.
Manchmal sind es die kleinen Momente, die uns trauern lassen. Wenn etwas nicht so funktioniert, wie wir es wollen, oder wir uns anstrengen und nicht das bekommen, was wir uns so sehnlich wünschen. Und manchmal betrauern wir auch den Zustand der Welt, weil wir uns von der „alten” nicht verabschieden wollen.
Dann gibt es die großen Momente der Trauer. Wir haben einen geliebten Menschen verloren, oder wir stecken gerade in einer sehr schmerzhaften Trennung von unserem Partner*in.
Über die kleinen Momente der Trauer sind wir uns nicht wirklich bewusst, da wir sie so gut wie aus unserem Leben und schließlich auch aus unserer Gesellschaft verbannt haben.
Im September 2025 ist meine Mutter unerwartet und plötzlich verstorben. Ich kam zu spät. Davor hatte ich in den letzten Jahren sehr große Angst. Leider hat sich diese Angst bewahrheitet.
Meine Mutter hatte einen 6-tägigen Untersuchungsmarathon im Krankenhaus hinter sich und ist dann plötzlich ins Koma gefallen. Meine Cousine informierte mich im Vorfeld, und danach erfuhr ich alles von der Ärztin. Mir war schnell klar, dass meine Mutter nicht mehr lange leben würde und ich es nicht mehr rechtzeitig schaffen werde. 12.000 Kilometer von Bali nach Deutschland waren einfach zu weit.
Ich hatte viel Zeit auf dem Rückflug. Ich erinnerte mich daran, dass unsere letzte Verabschiedung – sieben Monate vor ihrem Tod – sehr schmerzhaft für mich gewesen war. Ich wollte einfach nicht nach Bali zurück und jeden Moment mit ihr festhalten. Unsere gemeinsame Zeit war viel zu kurz, und es gab noch so viel zu reden und zu entdecken. Dabei merkte ich nicht, dass dies mein Wunsch war – nicht der meiner Mutter. Sie hatte sich eigentlich schon leise von mir verabschiedet.
Ich konnte auf Bali einfach nicht mehr richtig ankommen. In den Wochen nach unserer Verabschiedung weinte ich viel und hatte immer wieder Erinnerungen und Bilder aus der vergangenen Zeit mit meiner Mutter. Mein Körper fühlte den tiefen Schmerz, und manchmal wollte die Trauer gar nicht mehr aufhören. Ich konnte das einfach nicht einordnen. Eine Stimme in mir wurde immer lauter: dass ich wieder zurück nach Deutschland gehen möchte. Zeit mit meiner Mutter verbringen, bevor es zu spät ist.
Am Ende war es zu spät.
Heute ist mir bewusst, dass mein Körper und meine Seele den bevorstehenden Tod meiner Mutter gespürt hatten – und dass es Vorboten gewesen waren.
Immer wieder sprachen wir über meine Rückkehr, aber sie war immer weniger offen dafür. Als ich dann nach ihrem Tod nach Deutschland zurückgegangen bin, wusste ich auch warum – aber darüber schreibe ich in meinem nächsten Artikel.
In den ersten Wochen musste ich funktionieren. Ich trug jede Entscheidung allein, da ich keine Geschwister habe und mein Vater ebenfalls nicht mehr da ist. Ich bin noch immer dankbar für die Hilfe meiner Cousine und ihrer Familie, die mir emotional und tatkräftig zur Seite standen und das auch heute noch tun.
Meine Trauer kam in Wellen. Ein Bild, eine Erinnerung, ein Gespräch über meine Mutter, ihre Lieblingsgläser oder einfach nur der Platz, an dem sie immer gesessen hatte, riss die Wunde wieder auf. Manchmal war es so schlimm, dass ich Verabredungen absagte. Ich war schlichtweg nicht in der Lage, das Haus zu verlassen. Ich lag lieber auf dem Sofa und träumte von der Zeit mit ihr.
Aber die Trauer machte ich nur mit mir selbst aus. Ich merkte, dass manche Menschen das Thema meiner Trauer um meine Mutter ausklammerten – ich nahm ihre eigene Unsicherheit dabei wahr. Die Idee, mich auf die Suche nach einer Trauergruppe zu machen, blieb erfolglos: In meinem Umfeld gibt es leider nur kirchliche Angebote, und das ist nicht das, was ich mir vorstelle.
Etwas stimmt nicht mit unserer Art zu trauern
Wir trauern eigentlich allein, wie hinter geschlossenen Türen. Es ist, als warteten wir, bis es endlich vorbei ist. Manchmal fragen wir uns auch, wie lange es wohl dauern wird. Wer kennt diesen Satz nicht: „Melde dich, wenn du was brauchst.” Aber wir melden uns nicht – geschweige denn, dass wir selbst um Hilfe bitten.
Wir hoffen, wieder schnell funktionieren zu können. Denn Trauer kann auch Scham in uns auslösen. Scham, schwach und verletzlich zu sein. Scham, nicht sofort wieder leistungsfähig zu sein. Scham, wirkliche Hilfe zu brauchen.
Wir verkriechen uns, anstatt uns mit dem Schmerz sichtbar vor anderen zu zeigen. Wir möchten niemanden belasten und uns niemandem zumuten. Wir möchten einfach weitermachen wie vorher und fragen uns dabei, ob wir es richtig machen. Der Verstand übernimmt die Regie – dabei müssten wir einfach nur fühlen, ohne Fragen zu stellen.
In Gemeinschaft zu trauern würde uns wieder zu unseren Emotionen und Gefühlen zurückbringen. Aber leider haben wir genau das in unserer Gesellschaft verloren. Die Trauerkultur ist uns abhanden gekommen. Auch das löst eine tiefe Trauer in mir aus.
Trauer war nie unsere private Angelegenheit
Seit Tagen beschäftige ich mich mit dem amerikanischen Psychotherapeuten Francis Weller. Seine Arbeit über Trauer berührt mich sehr, und sein Buch The Wild Edge of Sorrow habe ich verschlungen. Ich habe auf dieses Buch gewartet, als hätte ich es schon immer gesucht.
Seine fünf Tore der Trauer haben mir die Augen geöffnet und mir klargemacht, dass Trauer nie unsere private Angelegenheit sein kann. Er beschreibt fünf Bereiche unseres Lebens, die tiefe Verluste in sich tragen:
Das erste Tor ist das bekannteste: alles, was wir lieben und verlieren. Menschen, Beziehungen, Lebensabschnitte. Der Tod der Mutter, des Vaters oder anderer Menschen. Eine Freundschaft, die zerbricht. Eine Phase des Lebens, die endet.
Das zweite Tor ist stiller, aber nicht weniger tief: das, was wir nie hatten. Die Mutter oder der Vater, die nicht wirklich da waren. Die Kindheit, die nicht sicher war. Die Liebe, die wir uns gewünscht haben und nie bekommen haben. Auch das ist Verlust – und auch das will betrauert werden.
Das dritte Tor führt nach innen: die Anteile von uns, die wir abgeschnitten haben. Alles, was wir von uns selbst versteckt, unterdrückt oder verleugnet haben, um dazuzugehören. Um geliebt zu werden. Um zu funktionieren. Diese abgespaltenen Teile warten – und Trauer kann der Weg zurück zu ihnen sein.
Das vierte Tor ist kollektiv: der Verlust von Gemeinschaft, Ritual und Wurzeln. Wir leben in einer Zeit, in der die alten Verbindungen zerrissen sind – zur Erde, zu den Ahnen, zu echten Gemeinschaften.
Francis Weller sieht darin einen tiefen kulturellen Schmerz, den die meisten von uns tragen, ohne ihn wirklich benennen zu können.
Das fünfte Tor schließlich gehört der Welt: der Schmerz der Erde selbst. Das Sterben von Arten, das Verschwinden von Wäldern, der Verlust dessen, was die Natur uns gegeben hat. Auch das ist Trauer – und auch sie will gefühlt werden.
Diese fünf Tore sind unmissverständlich und klar. Wenn ich sie für mich und mein Leben anwende, wird mir immer klarer, wie sehr wir Trauer verdrängen und sie nicht in unserem Leben haben wollen. Leider wird dadurch unser Schmerz nicht verschwinden, sondern tief in uns verankert bleiben und uns jegliche Freude nehmen.
Was passiert, wenn wir unsere Trauer einfach stehen lassen und nicht deuten
Ich möchte dir eine andere Sicht anbieten, was vielleicht von einer Psychologin und Trauma-Therapeutin seltsam klingen mag.
Vielleicht müssen wir Trauer kognitiv gar nicht verstehen. Vielleicht müssen wir nicht fragen: Was will mir dieser Verlust sagen? Was soll ich daraus lernen? Welche Botschaft steckt hinter dem Tod meiner Mutter?
Manchmal ist Trauer einfach Trauer. Ein Gefühl, das seinen eigenen Raum braucht. Das nicht sofort gedeutet, integriert oder transformiert werden will. Das einfach sein darf.
Francis Weller spricht davon, dass Trauer die Seele befeuert. Dass sie uns nicht leer macht – sondern warm. Dass die Seele durch echte, durchlebte Trauer lebendig bleibt. Er nennt das Seelenaktivismus: die Bereitschaft, wirklich zu fühlen, was verloren gegangen ist – als Akt der Treue gegenüber dem Leben.
Das, was Weller in diesem Abschnitt beschreibt, hat mich wacher und bewusster gemacht. Ich habe durch ihn einen tieferen Blick auf meine Seele erhalten und arum darauf, warum Trauer gerade für die Seele so wichtig ist.
Ich glaube, dass wir dieses Wissen verloren haben. Ich glaube, dass es auch in uns vorhanden war und wir nun das Gegenteil leben. Wir erzählen uns heute die Geschichte: Trauer ist ein Zustand, aus dem man herauskommt.
Dabei ist Trauer ein Weg, durch den wir hindurchgehen – und der uns verändert. Nicht heilt, sondern wirklich verändert.
Was hat das mit der Welt von heute zu tun
Wir trauern nicht nur um geliebte Menschen.
Wir trauern um eine Welt, die sich gerade fundamental verändert. Unsere Sicherheiten brechen immer mehr weg. Eine Zukunft, die wir uns anders vorgestellt haben. Beziehungen, die nicht mehr sind, was sie mal waren. Eine Version von uns selbst, die wir loslassen müssen.
Gleichzeitig glaube ich, dass dies immer schon so war. Wir haben es uns in unserer Komfortzone seit Jahrzehnten gemütlich gemacht. Leider haben wir dabei vergessen, wie das Leben wirklich ist: ein Auf und Ab, eine Welle, die nicht linear, sondern zyklisch rollt. Aber wir bewegen uns nicht mehr mit ihr, sondern versuchen fast krampfhaft, an allem festzuhalten – und erkennen dabei nicht, dass Loslassen ein fester Bestandteil unseres Lebens ist und immer war. Unser Schmerz und unsere Trauer werden dabei immer größer, und das Einzige, was wir tun, ist: nicht spüren wollen.
Dabei wird unsere persönliche Trauer zu einer kollektiven. Sie ist überall – auch wenn niemand sie wirklich sehen will.
Wenn wir diese Trauer nicht fühlen, wenn wir sie wegdrücken, beschleunigen, überspielen – dann verlieren wir den Zugang zu dem, was uns wirklich trägt, verbindet und Sinn gibt, vor allem wenn alles im Außen ins Wanken kommt.
Durchlebte Trauer macht uns niemals schwächer oder kleiner. Sie macht uns fähig, in einer schwierigen Welt präsent zu bleiben. Sie ist kein Rückzug vom Leben. Sie ist die Vorbedingung dafür, wirklich darin anzukommen.
Meine Einladung an dich
Versuche nicht, allein mit deiner Trauer zu sein. Bitte um Hilfe und schließe dich anderen in der Trauer an.
Ich bin überzeugt davon, dass wir nicht allein trauern sollten – und leider ist genau das in unserer Gesellschaft oft die Realität. Es braucht ein neues Trauer-Bewusstsein in Gemeinschaft, das uns hilft, durchlässig für Freude genauso wie für Schmerz zu werden. Unsere Seele bleibt dabei lebendig. Wir verlieren die Taubheit und die Erschöpfung.
Wir haben die Chance, dabei reifer zu werden und das Leben geerdet so anzunehmen, wie es wirklich ist. Dabei hilft uns die Verbundenheit mit anderen, mit der Erde, mit dem, was wirklich zählt.
Trauern ist für mich Friedensarbeit.
Und ich möchte eine Lanze für das Trauern in Gemeinschaft brechen.
In fast allen alten Kulturen gab es Trauerrituale – Gemeinschaft, Kreise, Gesang und auch gemeinsame Stille. Wir kommen als Menschen zusammen, die bezeugen. Die eben nicht nur helfen, nicht nur erklären. Die einfach da sind und das Gewicht der Trauernden mittragen.
Trauer braucht Zeugen und keine Lösungen.
Wenn wir allein trauern, bleibt etwas tief in uns unvollständig. Unser Schmerz braucht den Raum, der durch andere entsteht. Er braucht das Echo der anderen.
Trauer ist nicht persönlich. Aber sie will persönlich gefühlt werden. Am besten nicht allein.
Ich befinde mich gerade wieder in einem tieferen Trauerprozess und brauche Zeit. Das Schreiben hilft mir dabei.
Ich vermisse meine Mutter gerade sehr. Doch insgeheim weiß ich, dass sie mir beim Schreiben von oben zusieht – und voller Stolz ist.
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Tanja hat von 2016 - 2026 auf Bali gelebt. Nach dem Aufbau einer erfolgreichen Psychologischen Praxis & Yogastudio entschied sich Tanja nach über zwölf Jahren erfolgreicher Selbständigkeit, das Geschäft zu verkaufen und in die weite Welt zu ziehen.
Mittlerweile ist sie wieder zu ihren Wurzeln nach Deutschland zurückgekehrt und wirkt wieder vor Ort mit Frauen.
Tanja liebt es, ihre Learnings mit der Welt zu teilen und Frauen zu unterstützen, ihren eigenen Weg und Platz im Leben zu finden.
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