Der verlorene Zwilling: Wenn die erste Trennung unseres Lebens Liebe prägt
- 16. Aug.
- 11 Min. Lesezeit

In den letzten Tagen bin ich wieder intensiv mit meiner Trauer konfrontiert. In einem meiner Artikel habe ich über den Tod meiner Mutter geschrieben und was meine Trauer mich darüber lehrt.
Jetzt ist meine Trauer ist mit aller Wucht zurück, aber diesmal zeigt sich etwas ganz anderes. Es geht um das getrennt sein, das Gefühl verlassen zu werden. Mein bester Freund war länger zu Besuch und unsere Verabschiedung hat einen überwältigenden Trennungsschmerz bei mir hinterlassen, der sich nicht von dieser Welt anfühlt.
Trennungen waren für mich schon immer ein äußerst schmerzhaftes Thema. Sie wurden in vergangenen Paarbeziehungen durch meine Co-Abhängigkeit und mein People-Pleasing noch verschärft.
Mein Leben wurde schon immer von Gefühlen begleitet nicht dazuzugehören und nicht zu wissen wer ich eigentlich bin und was mich wirklich ausmacht. Mein Leben als ständig Suche nach mir selbst und meiner Identität.
Dann fiel mir plötzlich wieder der verlorene Zwilling ein. Vor Jahrzehnten wurde ich in einer Familienaufstellung mit diesem Begriff konfrontiert. Damals wurde mir eröffnet, dass es sein kann, dass ich ein alleingebliebener Zwilling bin der überlebt hat. Zu diesem Zeitpunkt war die Forschung noch nicht soweit und das Thema des verlorenen Zwillings wurde zum Teil als „Spinnerei“ abgetan oder einer abgedrehten Esoterik zugeordnet.
Natürlich ist meine sehr frühe Verlusterfahrung etwas, an das ich mich nicht erinnern kann, zumindest nicht als reale Situation. Geschätzt wird, dass ein erheblicher Teil aller Schwangerschaften als Mehrlingsschwangerschaft beginnt und ein Teil davon in einen sogenannten “verschwindenden” Zwilling mündet. Dies geschieht häufig im ersten Trimester und bleibt von der werdenden Mutter meist unbemerkt [1]. Medizinisch wird dieses Phänomen das Vanishing Twin Syndrome genannt und wird seit den 1980er-Jahren durch Ultraschall gut belegt [2].
Die umstrittene Frage ist, was danach wirklich passiert. Trägt der überlebende Zwilling wirklich den Verlust und wenn ja, wie?
Und genau hier beginnt das, was in der pränatalen Psychologie und in der systemischen Aufstellungsarbeit als “der verlorene Zwilling” bezeichnet wird: ein Muster von Sehnsucht, Verlustangst und einer ungesunden Beziehungsdynamik, das manche Klienten*innen ihr Leben lang begleitet, ohne dass sie es benennen können.
Bei meiner Recherche habe ich herausgefunden, dass Schätzungen zufolge bis zu jede achte Schwangerschaft ursprünglich eine Mehrlingsschwangerschaft gewesen sein könnte. Das ist deutlich häufiger, als es Zwillingsgeburten gibt. Bei bereits diagnostizierten Zwillingsschwangerschaften verschwindet in 15–36% der Fälle einer der Feten wieder.
In meiner Aufstellungsarbeit begegnet mir dieses Thema eher indirekt und oft nicht sichtbar, als das was es sein könnte. Es zeigt sich nicht als verlorener Zwilling, sondern eher als ein Beziehungsmuster, was sich anders kaum erklären lässt. Ich möchte in meinem Artikel aufzeigen, was wissenschaftlich wirklich fundiert ist und was auch nicht, was mein therapeutisches Erfahrungswissen beinhaltet und vor allem: was das für Paarbeziehungen bedeuten kann.
Was wir wissen und was wir vermuten
Zuerst möchte ich auf die allgemein gesicherte Faktenlage eingehen. Das Vanishing Twin Syndrome ist ein anerkanntes geburtsmedizinisches Phänomen: Ein Fetus stirbt früh in der Schwangerschaft und wird vom mütterlichen Körper oder vom Zwilling resorbiert, sodass bei der Geburt nur noch ein Kind da ist. Oft, ohne Wissen der Eltern [3]. Studien zu Risikoschwangerschaften nach künstlicher Befruchtung zeigen zudem, dass ein früh verlorener Zwilling messbare Auswirkungen auf die körperliche Entwicklung des überlebenden Kindes haben kann, etwa auf Geburtsgewicht oder das Risiko einer Frühgeburt [4].
Weniger eindeutig, aber ebenfalls erforscht, ist die psychische Dimension des Zwillingsverlusts. Vor allem bei Verlusten, an die sich der überlebende Zwilling tatsächlich erinnern kann. Eine große schwedische Registerstudie fand ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen bei Menschen, die ihren Zwilling im Kindes- oder Erwachsenenalter verloren hatten [5]. Für den Verlust in der sehr frühen Schwangerschaft, also den “verschwindenden” Zwilling, an den sich niemand erinnern kann gibt es dagegen kaum kontrollierte Studien. Die Datenlage endet leider dort, wo das bewusste Erinnern beginnt.
Und genau dies ist eine Lücke. Hier kommt die pränatale Psychologie ins Spiel. Der Grundgedanke ist hier, geprägt unter anderem von Ludwig Janus, dass psychische Prägung nicht erst mit der Geburt beginnt, sondern bereits vorgeburtlich stattfindet [6]. Die vielleicht wichtigste empirische Stütze dafür lieferte die italienische Neuropsychiaterin Alessandra Piontelli: Sie beobachtete Feten, darunter mehrere Zwillingspaare, per Ultraschall und begleitete dieselben Kinder anschließend bis ins Kleinkindalter. Dabei zeigte sich, dass sich individuelle Verhaltensmuster bereits im Mutterleib andeuteten und sich nach der Geburt fortsetzten [7]. Auf dieser Beobachtung bauen die Arbeiten von Alfred und Bettina Austermann sowie von Evelyne Steinemann auf, die in ihren viel zitierten Büchern zum verlorenen Zwilling beschreiben, wie sich ein früher, unbemerkter Verlust im späteren Leben, vor allem in unseren Beziehungen, zeigen kann [8].
Zu bedenken ist dabei: Diese Beobachtungen sind klinisches Erfahrungswissen aus jahrzehntelanger therapeutischer Arbeit, keine randomisierten Studien. Ob ein Ultraschallbefund aus der 8. Schwangerschaftswoche tatsächlich fünfzig Jahre später die Bindungsfähigkeit einer erwachsenen Frau beeinflusst, lässt sich wissenschaftlich nicht beweisen. Was ich allerdings in der Aufstellungsarbeit, in der Körperarbeit, im therapeutischen Gespräch beobachten kann ist ein wiederkehrendes Muster. Sobald Frauen von einem eventuell verlorenen Zwilling hören, hat die Suche nach dem Warum plötzlich ein Ende. Das hat für mich allein einen therapeutischen Wert, unabhängig davon, ob man es kausal auf einen tatsächlichen Zwillingsverlust zurückführt oder als eine Metapher für eine sehr frühe Trennungserfahrung bevor Sprache überhaupt da war, versteht.
Die Trauma-Einordnung
Eine Frage, die ich mir und die mir Frauen oft stellen: Ist das nun ein pränatales oder ein postnatales Trauma? Die Antwort ist eindeutig: Der verlorene Zwilling ist per Definition ein pränatales Trauma. Es ereignet sich vor der Geburt, meist im ersten Trimester, also noch vor der Ausbildung eines Nervensystems, das Erfahrung im späteren Sinne “erinnern” könnte. Das unterscheidet ihn vom perinatalen Trauma (Ereignisse rund um die Geburt selbst, etwa eine traumatische Entbindung) und vom postnatalen Trauma (Verlust- oder Bindungserfahrungen nach der Geburt, etwa der frühe Tod eines Elternteils oder eine schwere Bindungsstörung im Säuglingsalter).
In meinem Psychologiestudium habe ich mit dem Psychotraumatologen und psychologischen Psychotherapeut Dr. Franz Ruppert gearbeitet und mit ihm Aufstellungsarbeit erfahren. Für mich ist er auf diesem Gebiet immer noch eine Inspiration und ich schätze ihn sehr.
Seine Aufstellungsarbeit, die frühesten Entwicklungsphasen ausdrücklich mit einbezieht, spricht hier von “frühem Trauma” und fasst prä-, peri- und postnatale Belastungen bewusst zu einem gemeinsamen Forschungs- und Behandlungsfeld zusammen, weil sie sich in der Praxis oft überlagern und ähnlich auf spätere Bindungsfähigkeit wirken [8].
Innerhalb von Rupperts vielzitierter Systematik unterschiedlicher Traumaarten wie, Existenztrauma, Verlusttrauma, Bindungstrauma und Bindungssystemtrauma, lässt sich der verlorene Zwilling am ehesten als eine frühe Form des Verlusttraumas verstehen. Das Trauma entsteht durch den Verlust einer Person, zu der bereits eine seelische Bindung in der Gebärmutter bestand [9]. Gleichzeitig kann es auch Züge eines Bindungstraumas beinhalten, weil dieser Verlust nicht anerkannt und nicht betrauert werden konnte. Hinzukommt, dass niemand davon je wusste und auch nie in ein haltendes Beziehungssystem integriert werden konnte.
Klinisch entscheidend ist jedoch ein weiterer Punkt: Weil dieses Trauma vor jeder sprachlichen und weitgehend auch vor jeder bewussten kognitiven Entwicklung liegt, wird es nicht als Erzählung, sondern als implizites, körperliches Gedächtnis gespeichert. Das ist ziemlich ähnlich zu dem, wie es die moderne Traumaforschung generell für sehr frühe, präverbale Erfahrungen beschreibt. Es zeigt sich nicht als Erinnerung, sondern als Muster: als Körperempfindung, als plötzliche Emotion ohne erkennbaren Auslöser, als Beziehungsdynamik, die sich wiederholt, ohne dass eine biografische Erzählung dazu passt.
Für mich ist schon länger klar, dass reine Gesprächstherapien heute nicht mehr ausreichen und an Grenzen stoßen, vor allem bei diesem Thema. Körper- sowie beziehungsorientierte Verfahren, Aufstellungsarbeit und somatische Ansätze können wirksamer sein. Sie sprechen die Ebene an, auf der das Trauma tatsächlich gespeichert ist.
Wie sich der verlorene Zwilling im Erwachsenenleben zeigt
Auch in meiner therapeutischen Arbeit werden immer wieder ähnliche Themen von Frauen beschrieben: eine tiefe, oft unerklärliche Sehnsucht nach Verschmelzung; ein diffuses Gefühl innerer Leere, das sich durch nichts von außen füllen lässt; Schuldgefühle, die an nichts Konkretes gebunden sind; die Überzeugung, ständig auf der Suche nach “jemandem” zu sein, ohne sagen zu können, nach wem [9]. Manche Betroffene berichten von einer frühen, intuitiven Ahnung, nicht allein gewesen zu sein, einem imaginären Zwilling in der Kindheit, einer Frage an die Mutter, die nie beantwortet wurde.
Auffällig ist außerdem eine Tendenz, viel zu schnell und sehr tief in Beziehungen zu gehen. Für viele Frauen fühlt es sich dann so an, als müsse eine ursprüngliche Nähe, die es einmal gab, so schnell wie möglich wiederhergestellt werden [10]. Gleichzeitig kann genau diese Intensität zur eigenen Falle werden: Wo Nähe zur Bedingung für inneren Frieden wird, wird ihr Verlust oder auch nur ihre vorübergehende Abwesenheit dann existenziell bedrohlich.
Auswirkungen auf unsere Paarbeziehung
Für mich wird es hier in meiner therapeutische besonders relevant, denn kaum ein Lebensbereich macht dieses Muster so sichtbar wie in Paarbeziehungen.
Folgende Punkte können bei der Einordnung helfen:
Die Sehnsucht nach der “einen” Verschmelzung
Manche Frauen suchen ihr Leben lang nach einer Verbindung, die sich absolut und vollkommen anfühlt [11]. Das kann sich als romantische Sehnsucht äußern, aber auch als eine schwer erfüllbare Erwartung an den Partner: dass er intuitiv wissen soll, was gebraucht wird, ohne dass es ausgesprochen werden muss. Partner*innen können diese Erwartung nicht erfüllen. Die daraus resultierende, oft chronische Enttäuschung wird dann leicht als “der Partner ist nicht der Richtige” gedeutet, obwohl es eigentlich um eine viel ältere
Sehnsucht geht.
Verlustangst und Klammern.
Die frühe Erfahrung über ein plötzliches, unerklärtes Verschwinden des wichtigsten Gegenübers, des Zwillings, kann sich im Erwachsenenleben eine tiefe Angst vor Abschied und Trennung festsetzen [12]. Diese Erfahrung zeigt sich nicht immer offen als Verlustangst. Sie tarnt sich als übermäßige Kontrolle, als Schwierigkeit, dem Partner*innen Freiraum zu lassen oder als panikartige Reaktion auf ganz normale Beziehungsdistanz z.B. wenn der Partner einen Abend allein verbringen möchte.
Selbstsabotage
Das Gegenstück zum Klammern ist die entgegengesetzte Strategie: lieber selbst gehen, bevor man verlassen wird. Wiederholtes, scheinbar unbegründetes Beenden von Beziehungen kurz bevor sie “ernst” werden, wird in der klinischen Literatur zum verlorenen Zwilling als eine Form von unbewusstem Selbstschutz beschrieben. Dabei geht es um die Kontrolle über den Zeitpunkt des Abschieds zurückzugewinnen, den man selbst nie hatte [13]. Aus bindungstheoretischer Sicht lässt sich das durchaus anschlussfähig an vermeidende Bindungsmuster lesen.
Unbegründete Schuldgefühle
Was in Aufstellungsarbeit auffällig häufig auftaucht, ist ein diffuses Schuldgefühl, das sich wie folgt ausdrückt: das eigene Leben wird irgendwie “auf Kosten” eines anderen gelebt [14]. In der Paarbeziehung kann sich das als eine tief sitzende Überzeugung zeigen, kein Recht auf Glück zu haben. Das führt dann unbewusst dazu, gute Beziehungen zu sabotieren, sobald sie sich zu stabilisieren beginnen.
Intensität statt Leichtigkeit
Manche Therapeuten*innen beschreiben, dass Menschen mit dieser Prägung Beziehungen kaum “leicht” führen können. Jede Verbindung ist dann tief, manchmal fast existenziell aufgeladen [15]. Dies kann eine große Gabe sein: die Fähigkeit zu echter, ungeschützter Nähe, die vielen anderen fehlt. Genauso gut kann es aber auch überfordernd sein, für die Betroffene selbst und für den Partner*innen, der dieser Intensität standhalten muss, ohne zu wissen, woher sie kommt.
An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, dass nicht jede Bindungsangst, nicht jede Verlustangst, nicht jedes Beziehungsmuster auf einen verlorenen Zwilling zurück geht. Die weitaus häufigeren Wurzeln liegen in der postnatalen Bindungserfahrung, in der frühen Beziehung zu den Eltern, wie sie die klassische Bindungsforschung nach John Bowlby und Mary Ainsworth beschreibt. Der verlorene Zwilling ist eine mögliche zusätzliche Ebene, die in Betracht gezogen werden kann, wenn sich ein Muster zeigt, das sich mit der bekannten Familiengeschichte allein nicht erklären lässt. Also wenn etwas “übrig bleibt”, das durch die üblichen Erklärungsmodelle nicht abgedeckt wird.
Vielleicht ist es noch zusätzlich wichtig im Blick zu haben, dass eine Mutter, die selbst unbewusst um einen verlorenen Zwilling trauert, weil sie selbst Alleingeborene ist oder weil sie während der Schwangerschaft mit dem eigenen Kind einen Verlust erlebte, kann diese vielleicht auch unbewusste Trauer an das überlebende Kind weitergeben worden sein. So entsteht eine Art doppelte Prägung: die eigene vorgeburtliche Erfahrung und die transgenerationale Weitergabe eines nicht betrauerten Verlusts. Für meine systemische Arbeit ist genau diese Verschränkung von individueller und familiärer Ebene oft der Schlüssel.
Der Weg zur Integration
Ich kann aus vollem Herzen meiner Lebenserfahrung und meiner Praxiserfahrung sagen, dass es selten die kognitive Erklärung und das Wissen sind, die etwas verändern. Es ist die körperliche und emotionale Erfahrungen und dem eigenen, ungelebten oder nicht betrauerten Verlust einen Raum zu geben. In der systemischen Aufstellungsarbeit wird dafür oft ein Stellvertreter für den verlorenen Zwilling einbezogen; allein das Sichtbarmachen dieser bislang unbenannten Präsenz erleben viele Klientinnen als große Erleichterung.
Ich möchte folgende Gedanken teilen:
Anerkennen statt beweisen
Es geht nicht wirklich darum, einen tatsächlichen Zwillingsverlust nachzuweisen. Denn das ist oft gar nicht möglich. Es geht darum, ein Muster ernst zu nehmen, das sich zeigt, und ihm einen Ursprung zuzugestehen, selbst wenn dieser Ursprung nicht mit letzter Sicherheit belegbar ist.
Trauern, was nie betrauert wurde
Ein Verlust, von dem niemand wusste, konnte auch nie betrauert werden. Dieser nachträglichen Trauer, vielleicht symbolisch, in einem Ritual, einem Brief, einer Aufstellung, einen Raum zu geben, ist häufig der Punkt, an dem sich etwas lösen kann.
Die eigene Bindungsfähigkeit von der ursprünglichen Sehnsucht unterscheiden lernen
Wirklich wichtig ist zu verstehen, dass der Partner*in nicht der verlorene Zwilling ist. Ihn nicht mehr unbewusst mit dieser Rolle zu belasten, schafft Raum für eine reale, unvollkommene, aber lebendige Beziehung.
Konkret kann das im Alltag bedeuten, sich in einem ruhigen Moment ehrlich zu fragen: Erwarte ich von meinem Partner gerade etwas, das kein Mensch erfüllen kann, z.B. ein intuitives Wissen ohne Worte, eine Nähe ohne jede Distanz? Und: Reagiere ich auf ganz normale Trennungsmomente, ein Wochenende allein, ein Streit, ein Rückzug, mit einer Angst, die der Situation nicht angemessen scheint?
Solche Fragen ersetzen keine Therapie, aber sie können ein erster Hinweis sein, ob es sich lohnt, tiefer zu
schauen.
Körperarbeit und somatische Ansätze spielen dabei eine ebenso wichtige Rolle wie das Gespräch, denn ein vorgeburtliches Muster ist per Definition ohne Sprache gespeichert und es lässt sich selten allein durch Nachdenken auflösen, wohl aber durch Erfahrungen, die den Körper direkt ansprechen: Atemarbeit, behutsame Berührungen, Ritual und Aufstellungen. Auch die Arbeit mit dem inneren System, im Sinne des Internal Family Systems (IFS), wo der “Teil” der einsam sucht, kann hier sehr hilfreich sein.
Meine Gedanken zum Schluß
Für mich ist allein das Bewusstsein, dass ich vielleicht einen verloren Zwilling hatte tröstlich und hilfreich. Mir geht es in erster Linie gar nicht darum, ob es wahr ist oder nicht. Zu einhundert Prozent wird es auch nie beweisbar sein. Mir geht es einzig und allein darum eine Sprache für ein Gefühl zu finden, was ich nie einordnen konnte. Vielleicht kann ich dir mir diesem Artikel auch eine Sprache zu (d)einem Gefühl geben, was du jetzt wiedererkennst. Vielleicht ein Gefühl für die Sehnsucht nach einer Verbindung, die sich niemals ganz einstellen will oder für die Angst, jede Nähe könnte ebenso plötzlich enden, wie sie begann.
Ich möchte mich gerne von dem Begriff des verlorenen Zwillings trennen und mich eher als alleingeborener Zwilling erkennen. Diese passendere Bezeichnung fühlt sich für mich viel stimmiger an.
Am Ende geht es um die Vereinigung mit uns selbst und unserer Seele. Ich glaube, wenn wir uns liebevoll und dankbar von unserem verlorenen Zwilling verabschieden, ist noch so viel mehr in unserem Leben möglich als wir ahnen.
Quellen
Psychologische Energetik: Verlorener Zwilling – Symptome, Selbsttest & Wege zur Heilung, 2026.
Psychologische Energetik: Verlorener Zwilling – Symptome, Selbsttest & Wege zur Heilung, 2026.
Yan et al.: The Influence of the Vanishing Twin on the Perinatal Outcome of Surviving Singleton in IVF Pregnancy, PMC, 2022.
Yan et al.: The Influence of the Vanishing Twin on the Perinatal Outcome of Surviving Singleton in IVF Pregnancy, PMC, 2022.
Rosendahl Jensen, S. & Björklund, A.: zitiert in Loss of a co-twin at birth and subsequent risk of psychiatric disorders, eLife, 2021; siehe auch Segal, N. & Ream, S. (1998).
Janus, L.: Die Psychoanalyse der vorgeburtlichen Lebenszeit und der Geburt, 1989; Wikipedia-Artikel „Pränatalpsychologie”.
Piontelli, A.: From Fetus to Child: An Observational and Psychoanalytic Study, Routledge, 1992 (dt. Vom Fetus zum Kind, Klett-Cotta, 1996).
Austermann, A. & B.: Das Drama im Mutterleib. Der verlorene Zwilling; Steinemann, E.: Der verlorene Zwilling. Wie ein vorgeburtlicher Verlust unser Leben prägen kann, 2006.
Schlochow, B.: Der verlorene Zwilling – Vom Trauma zur Ressource, mattes Verlag.
Rahl-Coaching: Alleingeborene Zwillinge in der Partnerschaft.
Belke, J.: Alleingeborener Zwilling: Symptome & Spätfolgen, juliabelke.at, 2026.
Familienstellen München: Verlorener Zwilling – Familienaufstellung, 2026.
Schlochow, B.: Der verlorene Zwilling – Vom Trauma zur Ressource, mattes Verlag.
Schlochow, B.: Der verlorene Zwilling – Vom Trauma zur Ressource, mattes Verlag.
Therapeutenfinder.com: Der Verlorene Zwilling, 2010.
Ruppert, F.: Frühes Trauma, Klett-Cotta, 2014; Ruppert, F.: Trauma, Bindung und Familienstellen, Klett-Cotta.
Hinweis: Die medizinischen Fakten zum Vanishing Twin Syndrome sind gut belegt. Die psychologischen Deutungen zu Spätfolgen für den überlebenden Zwilling stammen überwiegend aus pränatalpsychologischer und systemischer Praxis und sind klinisches Erfahrungswissen, keine kontrollierten Studienergebnisse.

Tanja hat von 2016 - 2026 auf Bali gelebt. Nach dem Aufbau einer erfolgreichen Psychologischen Praxis & Yogastudio entschied sich Tanja nach über zwölf Jahren erfolgreicher Selbständigkeit, das Geschäft zu verkaufen und in die weite Welt zu ziehen.
Mittlerweile ist sie wieder zu ihren Wurzeln nach Deutschland zurückgekehrt und wirkt wieder vor Ort mit Frauen.
Tanja liebt es, ihre Learnings mit der Welt zu teilen und Frauen zu unterstützen, ihren eigenen Weg und Platz im Leben zu finden.
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